Schlimmer geht (N)immer – Hafenchaos in Las Palmas

Schlimmer geht (N)immer? Hafenchaos in Las Palmas

Las Palmas sollte ja eigentlich kein Problem bedeuten: Ca 300 Schiffe haben zwei Tage vorher abgelegt um an der organisierten Atlantiküberquerung ARC (Atlantic Ralley for Cruisers) teilzunehmen. Während also unzählige Boote losgefahren sind, erhoffen wir uns ein ruhiges Plätzchen im Hafen, der ja nun Kapazität ohne Ende haben sollte. Dem Funkverkehr nach zu urteilen, geht es allerdings noch zu wie im Taubenschlag. Absolut überlastete Verbindung, gefühlt hundert Schiffe wollen gleichzeitig in den Hafen, Namensverwechslungen, keine oder falsche Antworten sorgen für Missverständnisse. Wir nutzen so ein Missverständnis, fahren direkt in den Hafen und bekommen überraschenderweise einen Platz zugewiesen. Irgendwie wurden wir wohl mit einem Boot aus der Ankerbucht verwechselt und bekamen dessen langersehnten Platz. Außerdem spielt uns die Ankunftszeit wunderbar in die Hände, es ist kurz vor der Mittagspause und es scheint niemand daran Interesse haben, dass Missverständnis auflösen zu wollen. Prima, guter Anleger, Anmeldung sollte am nächste Tag erfolgen, alles klar. Die Stimmung am Steg – ein bisschen wie in Gibraltar, Boote und Segler, die viel erlebt haben, viel erzählen können und in Zukunft noch mehr erleben und erzählen werden.

Der Franzose neben uns erklärt, dass die Stege noch am vorherigen Tag komplett frei waren und nun der große Run auf den Hafen losgegangen ist. Alle haben wohl den selben Glauben gehabt, ARC ist losgefahren, Platz genug für alle. Ein fataler Irrtum. Am nächsten Tag bekommen wir das ganze Ausmaß dieser ungünstigsten Zeit überhaupt mit. Im Office muss man ein Ticket ziehen, die Nummern werden dann aufgerufen. Eine Dame arbeitet, fünf Herren vielleicht auch. Wir haben Nummer 76, das Büro ist gar nicht so voll, es ist 10 Uhr, Nummer 42 blinkt. Nun ja, das kann dauern, wir hatten noch nicht gefrühstückt – das muss wohl warten. Eine halbe Stunde später ist Nummer 42 fertig und Nummer 43 wird aufgerufen. Nach Adam Ries, wenn eine Nummer eine halbe Stunde, bei einem offenen Schalter braucht, und wir haben Nummer 76, dann … ja, können wir auch noch schnell irgendwo frühstücken gehen. Nicht so lang, man kann ja nie wissen, ob die anderen drei Schalter noch besetzt werden. Wir kommen nach einer Stunde zurück und hatten echt Glück dass wir nich länger unterwegs waren, das wäre knapp geworden, Nummer 44 war dran. Matthias versucht ganz höflich zu fragen ob wir besser morgen wieder kommen sollen – und wird angeraunzt, dass im Voraus bezahlt wird und er könne ja ein Beschwerdeformular ausfüllen (die Box für die Formulare ist leer, clever!)

Wir fahren mit dem Dingi zurück zum Boot (der Hafen ist so riesig, dass zu Fuß nichts zu machen ist) um 12 fahre ich nochmal hin, immerhin sind wir bei Nummer 50 angekommen, in der nächsten Stunde stelle ich fest, warum wir mittlerweile soweit fortgeschritten sind – einige haben wohl aufgegeben. Mich wundert dass so viele noch die Ruhe bewahren und das eher mit Humor sehen. Elend verbindet, ich komme mit vielen anderen Seglern ins Gespräch…. Matthias kommt um zu schauen wo wir stehen – immer noch am Anfang, es ist kurz vor eins, Nummer 60. Zurück zum Boot, Zeit für ein Beruhigungsschlückchen. Kurz vor der Mittagspause um 2 Uhr wollen wir nochmal nachschauen, welche Nummer dran ist, damit wir wissen , wann am Nachmittag (oder in wieviel Tagen) es nochmal Sinn macht, im Office aufzutauchen.

Wir fahren zurück und setzen uns in den Wartebereich. Eine Spanierin macht dank ihrer Sprachvorteile Terror – erfolgreich – und verabschiedet sich von uns Übriggebliebenen mit süffisantem Grinsen (in Richtung Management) und den Worten „Good luck with those spanish workers“ (bei „workers“ macht sie Gänsefüßchen in die Luft). Ein Franzose verliert die Contenance und macht sich lustig über die spanische Organisiertheit und kann nicht glauben, dass ich als Deutsche noch Verständnis habe. Wir sind bei Nummer 65, immer mehr Nummern werden übersprungen, kaum noch jemand da. Ein Mariniero schließt die Tür von innen ab, niemand darf mehr rein (raus auch nicht?) Wir hoffen das ist ein gutes Zeichen, die die jetzt noch ausharren, kommen auch dran. Nummer 73; der Franzose neben mir springt auf – leider hat er die 13 und nicht die 73, ich sag nur, in Frankreich würde man jetzt streiken und frage ihn, was denn hier die Alternative sei: er sagt laut und stolz : la revolution! Er hat Erfolg damit, seine brasilianische Frau, hat die Marinieros im Griff, zitternd wird dann noch ein Schalter aufgemacht – (ich bin mir nicht so sicher, ob wegen der feurigen Brasilianerin oder ob dem Blick auf die Uhr und der Angst um die verkürzte Mittagspause) dem Franzosen nützt das allerdings nichts mehr, Nummer 13 bringt nun mal Pech. Aber ich bin dran. Jetzt weiss ich auch, warum das so unglaublich lange dauert. Passabschrift, Passkopie, Flaggenzertifikatabschrift, Kopie, Versicherungsabschrift und Kopie – einen Computerkurs scheint es nie gegeben zu haben, ein Finger sucht sich durch den Buchstabendschungel. Adlersuchprinzip – Kreisen, Zuschlagen… die spanischen Adler sind sehr langsam – muy lentamente.

Jaaa geschafft. Wir sind angemeldet, für eine Woche, für kaum Geld, jetzt können wir unsere Zeit planen, so wie wir möchten!

Ganz witzig: immer wieder treffen wir in den Bars rund um den Hafen Segler die wir vom Warten kennen, eine eingeschworene Gemeinschaft hier in Las Wartas, man erkennt sich sofort, geteiltes Leid ist halbes Leid. Den Franzosen treffen wir auch wieder, er hat den Aufstand geprobt und erklärt, dass er doch nicht warte um zu bezahlen, sie sollen ihm die Rechnung schicken.

Übrigens, auf die 10 Euro Pfand für die Zugangskarte zum Hafen verzichten wir großzügig : wir hätten eine Nummer ziehen müssen.

3 Kommentare

  1. Hallöchen Stefanie und Matthias,

    wir sind gerade durch Zufall auf euren Blog gestoßen. Sehr schöner Beitrag, der zum Schmunzeln bringt 😂
    Wir hoffen sich irgendwann einmal in dieser Gegend zu segeln.

    Viele liebe Grüße aus dem kalten Deutschland

    Janine & Tom (SY Rubicon)

    Gefällt mir

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